traum selbstversorger

Wie werde ich Selbstversorger in kleinen Schritten

Im Land von Flotter Lotte und Starker Else

4 Kommentare

Wer hätte gedacht, dass ich im Selbstversorger-Kurs „Praxiskurs Ernte verarbeiten“ (also Einmachen usw.)  im Mienbacher Waldgarten gleich zwei altehrwürdigen Damen begegne, die schon meiner Ur-Oma einen ansehnlichen Bizeps beschert und das Fitness-Center erspart haben. Nun stehe ich ihnen Auge in Auge gegenüber und möchte Reißaus nehmen: Die Flotte Lotte und die Starke Else machen mir schlagartig klar, wie mühsam so ein Säftchen oder Marmelädchen aus einer Frucht herausgepresst oder ihr abgerungen werden will.

Ja, aus – Achtung: einer, einer einzigen – Frucht, denn viel mehr scheint mir in die alten, mechanischen Hausgeräte nicht zu passen und entsprechend lange und schweißtreibend stelle ich mir den Weg zum gefüllten Glas vor. Die Flotte Lotte ist ein Hand-Passiergerät zum Zermatschen und Entkernen einer Frucht, die Starke Else ist ein Fleischwolf für Obst zum Entsaften, lerne ich – etwas eingeschüchtert vom Bizeps meiner Ur-Oma, dem ich ungesehen und posthum noch ein ehrfürchtiges „Respekt!“ in den Himmel hinterher schicke, gedanklich.

Aus meinen Albträumen über mein zukünftiges Selbstversorger-Selbst in bizepsfreier Kittelschürze, die Flotte Lotte im Arm wiegend, das Gesicht von Wettersorgen zerfurcht, der Rücken vom harten Leben gebeugt, reißt mich Kursleiterin Hannelore mit der Vorführung des elektrischen Dampf-Entsafters. Der könnte zwar von meiner Oma sein, aber ich schwöre, das Selbstversorger-Leben fühlt sich gleich wieder viel verlockender an: Hollunderbeeren in den Sieb, Sieb in den Topf, Topf auf einen weiteren Topf mit Wasser, Deckel drauf, Herd an, warten, fertig ist der leckere Saft. Gleich mehr als eine Flasche voll.

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Das Wasser vom unteren Topf verdampft durch die Hitze. Der Dampf gelangt in den zweiten Topf, der den Boden einer Gugelhupf-Kuchenform mit Loch in der Mitte hat. Die Beeren im Sieb des zweiten Topfes platzen durch den Wasserdampf auf und der so entstehende Saft kann über einen Schlauch dosiert abgelassen werden. Ein bisschen fühle ich mich dabei wie in einer alchemistischen Hexenküche.

Jetzt geht es ans Eingemachte. Oder ans Eingeweckte? Was ist da der Unterschied? Ah. „Wecken“ bedeutet, man füllt etwas kalt ab und macht es dann durch ein Wasserbad haltbar. „Einmachen“ heißt dagegen, dass man etwas heiß abfüllt (was durch die Erhitzung bereits haltbar ist) und dann das Gefäß für ca. 20 Minuten umdreht, um es luftdicht zu verschließen. Oder so ähnlich.

Wir haben also die Hollunderbeeren gerade „eingemacht“ und „wecken“ jetzt Zwetschgen. Dazu werden die (Weck-) Gläser mit Zwetschgen, Nelken, Zimtstangen und kaltem Wasser gefüllt. Die Gläser werden mit Gummiring, Glasdeckel und Halteklammern verschlossen, kommen auf ein hohes Tablett in den Ofen (175 Grad, 30 Min.). Das Tablett wird mit Wasser gefüllt, so dass der heiße Dampf im Ofen die Gläser sterilisiert.

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Während es im Ofen vor sich hin dampft, sammeln wir Aroniabeeren (schwarze Apfelbeeren) und machen daraus Marmelade. Ich erfahre einige gute Tipps: Zitronensaft erhält die Farbe des Eingemachten, statt Gelierzucker (Pektin und Zucker) kann man auch Fruchtgel nehmen (Pulver, das auch Pektin aber keinen Zucker enthält), statt Zucker kann man auch Ahornsirup oder Apfeldicksaft o.ä. benutzen, getrocknete Apfelscheiben im Mixer zerkleinert ersetzen den Zucker bei Backwaren.

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Ich habe mittlerweile in der halb im Freien gelegenen (und herbstlich frischen) „Sommerküche“ des Mienbacher Waldgartens den Streberplatz genau neben der Kochplatte eingenommen und kann meine Nase in alles stecken, was Hannelore so kredenzt. Hinter meinem Rücken hängen überdimensionale, getrocknete Kräuterbüschel von Anis-Ysop über Weiß-ich-nicht bis Lavendel. Ab und an schlängeln sich Hund und Katz durch die Beinpaare der Kursteilnehmer.

Nun wird es apfelessigsauer mit eingelegten Gurken, oder ersatzweise: Zucchini. Kleingeschnitten in Gläser, Salz, Dill, ein Stil russicher Estragon aus dem Waldgarten, gelbe Senfkörner, ein heißer Sud aus 1/2 Apfelessig und 1/2 Wasser, Glas zuschrauben, Glas umdrehen, fertig.

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Gleich als nächstes steht das Zucchini-Zwetschgen-Chutney an: Beides klein schneiden, Ingwerstücke, Salz, Chilli, Thymian, Rosmarin, Zwiebeln – und ab in die Gläser. Alle 9 Damen und 1 Mann zücken ihre Probierlöffel und nicken anerkennend. Gelungen.

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Mein Highlight des Tages ist der selbst gemachte Gemüsebrühwürfel. Den benutze ich nämlich ständig, aber eigentlich ist das genauso absurd (und leider genauso lecker) wie die Bio-Chips oder die Bio-Pizza. Also ran an den Mixer und eine neue Kategorie des Haltbarmachens kennengelernt, das Einsalzen. Für die Suppenwürze kommen 4-7 Teile Gemüse auf ein Teil Salz. Das heißt man muss wiegen und rechnen – und meine Schulzeit war für ein Selbstversorger-Dasein nicht ganz umsonst, wer weiß, wir werden sehen. Also: Sellerie, Zwiebeln, Karotten, Tomaten, Pastinaken, Lauch und was einem noch so einfällt klein schreddern, entsprechende Menge Salz dazu geben und in Gläser abfüllen. Großartig.

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Nach so einem erfüllten und informationsgespickten Tag habe ich die Ahnung, dass Selbstversorger eigentlich Feinschmecker sind. Allerdings Feinschmecker, die keine Zeit und keine Mühe scheuen, sich die Hände von Beeren einfärben und von Zwiebeln einstinken zu lassen. Einmal mehr sind sie mir sympathisch die Selbstmacher-Idealisten. Klar ist, ein Dampf-Entsafter muss her. Unklar ist, wo stelle ich den blos hin? Jedenfalls müssen Starke Lotten und Flotte Elsen (oder umgekehrt) draußen bleiben.

4 Kommentare zu “Im Land von Flotter Lotte und Starker Else

  1. Hallo Kirsten,

    bei mir ist die Flotte Lotte viel im Einsatz, vor allem für Apfelmus. Ich schneide die Äpfel in Stücke, Kerngehäuse, Schale bleiben dran, nur schlechte Stellen werden rausgeschnitten. Dann koche ich alles weich, passiere es durch die Flotte Lotte (Schalen und Kerne bleiben übrig). Dann schmecke ich das Mus ab, koche es nochmal auf und fülle es heiss in sterilislierte Gläser. Das Passieren geht recht schnell und ich finde, dass der Geschmack besser ist, da ja alles mitgekocht wird.

    Liebe Grüsse aus dem total verregneten Südwesten Frankreichs,

    Carola

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  2. Hallo Carola, ich werde nächstes Jahr meine Scheu überwinden und die Flotte Lotte ausprobieren. Und ich bin gespannt darauf! liebe Grüße zurück aus dem auch verregneten Bayern

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  3. Hallo Carola,
    ein Tipp noch zur Gemüsebrühe: Ich trockene sie im Backofen, schreddere sie nochmal und habe dann ein absolut haltbares, geniales Pulver!

    http://sin-die-weck-weg.milly.pf-control.de/blog/2014/09/05/gemuesebruehe-und-plagegeister/

    Und generell stellt sich mir eine grundsätzliche Frage: Wie man Beruf und Selbstversorgung unter einen Hut kriegt?! Da sehe ich für mich keine 100℅-Lösung, sondern nur Teillösungen, die aber vom rundum Selbstversorgen weit entfernt sind! Wie ist das bei euch?

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  4. Pingback: Frau Holle und die Holunderblüten-Gesichtscreme | traum selbstversorger

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