traum selbstversorger

Wie werde ich Selbstversorger in kleinen Schritten

Sonntags-Apfelgelee mit Rum

Ein Kommentar

Der erste Gastbeitrag auf diesem Blog kommt vom Einmach-Profi Zwetschgenmann. Viel Spaß beim Lesen!

Früher war nicht alles anders – und auch nicht alles besser. So viel steht fest und wer anderes behauptet, der irrt. Oder er trägt die Verklärungsbrille, die bekanntlich golden gefärbt ist.

Golden wie der Saft der Äpfel, den früher meine Mutter aus den Früchten von Nachbars Baum herausgedampft hat. Und aus diese Saft machte sie das beste Apfelgelee, das ich je gegessen habe. Auch meine Erinnerung verklärt Einiges, was hiermit bewiesen ist. Dabei war meine Mutter nicht etwa eine begnadete Obsteinkoch-Expertin. Im Gegenteil: Sie hat Küchenarbeit grundsätzlich nicht gemocht, und die Obstverarbeitung war für sie eher ein notwendiges Muss. Es war allerdings nicht so, dass es bei uns sonst nichts gegeben hätte… Sie kochte Pflaumen und Birnen nur deshalb ein, weil mein Vater die Bäume gepflanzt hatte und diese erstaunlich schnell üppig viele Früchte trugen. Mein Vater entstammte einer Familie von Kriegsflüchtlingen, er hatte verinnerlicht, dass nichts, was man noch gebrauchen kann, weggeworfen wird; eben auch kein Obst. Das konnte man schließlich unmöglich einfach so am Baum verrotten lassen.

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Umso erstaunlicher, dass meine Mutter gemeinsam mit einer guten Freundin einmal im Sommer in Nachbars Zierapfelbaum stieg und Ernte halten durfte. Das tat sie ganz freiwillig und mit großer Begeisterung. Die kleinen, kaum männerdaumengroßen Früchte waren zu nichts gut außer zum Schön-Aussehen und eben zum Entsaften. Selbst Kompott hätte man aus dem Obst nicht machen können, denn nach Schälen und Entfernen des Kerngehäuses wäre vielleicht ein erbsengroßes Stück Fruchtfleisch übrig geblieben. Das lohnte den Aufwand nicht, obwohl sie die Äpfel natürlich vom Nachbar geschenkt bekam.

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Die beiden Frauen vergnügten sich nach der Ernte auf dem Balkon bei Kaffee und angeregtem Geplauder während sie die wurmstichigen Äpfelchen aussortierten und die anderen halbierten. Die Stücke wurden dann in den Entsafter geschüttet. Wir Kinder waren glücklich, wenn wir eine knappe Stunde später die Schlauchklemme öffnen durften, und der goldene, duftende und heiße Apfelsaft in eine Teigschüssel, die auf einem Holzhocker vor dem Herd stand, lief.
Wenigstens das Glücksgefühl, die Schlauchklemme zu öffnen und das Zwischenergebnis stundenlanger Arbeit, habe ich mir aus der Kindheit bis heute herüberretten können. Denn fast ein halbes Jahrhundert später wird bei uns auch mal wieder Apfelgelee gekocht. Ganz wie früher, ganz wie bei Muttern. Dazu verwende ich einen uralten Thekla-Entsafter, den mir vor Jahren eine Kollegin geschenkt hat. Die nämlich wollte den Topf, den ihre Mutter aussortiert hatte, gleich wieder loswerden. Dabei hatte das gute Stück weiland 67,50 DM gekostet, das Preisschild klebt noch immer auf dem Pappkarton. Alt, verbeult, mattes Aluminium, roter Deckel – so steht er auf dem Herd und wartet auf Apfel-Abfälle. Abfälle? Das bedarf einer Erklärung.

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Wie früher bei meiner Mutter bekommen wir die Äpfel von unserem Nachbarn oder einem Verwandten meiner Frau geschenkt. Im letzteren Fall sind sie bereits geerntet, vorsortiert und relativ frei von Fleischeinlagen. Wir müssen sie nur, fertig in Stiegen verpackt, abholen kommen. Und so türmen sich vier Stiegen Äpfel Ende September vor unserem Haus. Die gilt es, zu Mus zu verarbeiten, denn Apfelmus wird gern und viel in unserer Familie gegessen. Während meine Frau also Äpfel schält und die Kerngehäuse herausholt, die Apfelviertel einkocht, bis sie breiig werden, sammle ich Schalen und Kerngehäuse im Entsafter und zerschnibble schon mal die kleinsten Äpfel, die zu schälen zu aufwendig sind. Der Entsafter ist vom Apfel-Abfall schnell gefüllt und dann geht es los. Entsaften ist kein Hexenwerk. Die Arbeit geht fast von allein.

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Nach und nach fallen die Obstreste im Sieb in sich zusammen und machen Platz. Das ist der Moment, in dem ich viele Stückchen der kleinen Äpfel nachlege. Weiter geht’s. Dampf steigt unaufhörlich nach oben. Im Auffangtrichter steht bald der Saft, so dass die Apfelmaische im Sieb langsam „nasse Füße“ bekommt. Fertig. Es duftet bereits vielversprechend.

Ich entferne die Schlauchklemme und fange einige Liter wunderbaren Apfelsaft auf. Der wandert gleich in den nächstgroßen Kochtopf, während auf der Herdflamme nebenan (sofern man das bei Elektroherden sagen darf) im größten Topf des Hauses eine weitere Fuhre Apfelmus der Vollendung und Einlagerung im Gefrierschrank entgegen köchelt. So geht der Sonntag dahin.

Es riecht bald im ganzen Haus nach Äpfeln und Zimt, denn sowohl Apfelmus als auch der Saft werden vorsichtig gewürzt. Langsam köchelt der Saft auf dem Herd, Schwaden steigen auf, ich bin froh um jeden Milliliter Wasser, der verdampft. Das macht das Gelee nur besser und stärker im Geschmack. Und dann: Kurz bevor der Zucker zugeführt wird, kommt noch ein ordentlicher Rum hinzu. Auch diese Geheimtipps habe ich von meiner Mutter übernommen. Sie hat immer wild experimentiert: Pflaumenmarmelade mit Cognac, Birne mit Whisky, Apfel mit Rum… oder eben was ihr an Kombinationen vielversprechend vorkam. Und was schmeckt, habe ich übernommen: Bei uns gehört in viele Marmeladen etwas Gewürz, ein Schuss aromatischer Alkohol, und da, wo es passt, Bitterschokolade. Das Ganze muss natürlich ausgewogen sein, denn obwohl der Alkohol vollständig verdampft, will man ja eher selten zu Sonntagsfrühstück den Geschmack der Tropicana-Bar auf der Semmel haben. Denn der Rum-Geschmack bleibt ja zurück.

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Wenn Zucker und Gelierhilfe (ich gestehe, ich nehme sie) mit dem Pürierstab eingerührt sind, verlasse ich allerdings die Pfade meiner Mutter. Sie nämlich hat das Gelee mit der Kelle in die Gläser gefüllt und dabei jedes Mal eine einigermaßen große Sauerei veranstaltet. Denn natürlich geht immer etwas daneben, natürlich tropft heißer Gelee auf Arbeitsplatte, Herd und Fußboden. Ich fülle direkt über dem Topf den Gelee mit der Kelle in einen Rührbecher. Da tropft nichts. Und aus dem Rührbecher gieße ich die Marmelade in die vorbereiteten Gläser. Auch das geht ohne, dass Marmeladen- oder Geleetropfen die Gläser außen einsauen, man braucht nur eine ruhige Hand. Und das Allerbeste: Ich muss die heißen Gläser auch nicht zum Füllen festhalten oder mit einer Schlinge eines Küchentuchs fixieren. Sie stehen einfach auf einem Tablett. Schnell sind sie zugeschraubt und auf den Deckel gestellt, noch bevor sie so viel Hitze annehmen, dass man sie nicht mehr anfassen kann.

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Natürlich weiß ich nicht, ob die Energiebilanz oder die Kosten für die selbstgemachten Marmeladen, das Mus und das Gelee günstiger ausfallen, als wenn ich Apfelgelee oder –mus im Supermarkt kaufe. Aber eines weiß ich: Das Selbstgemachte schmeckt viel besser. Denn ich schmecke die Arbeit und die Freude beim Einkochen bei jedem Biss heraus. Und ich weiß: Die Äpfel sind garantiert ungespritzt. Und davon mal ganz abgesehen: Weg mussten die sowieso. Die kann man doch nicht einfach auf der Wiese oder am Baum verrotten lassen. Im nächsten Jahr lasse ich mir gern wieder Obst schenken oder klettere zum Pflücken über die Mauer in Nachbars Garten. Der ist nämlich auch froh, wenn er das Zeug los wird, weil er kaum noch weiß, wohin damit…

Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

Ein Kommentar zu “Sonntags-Apfelgelee mit Rum

  1. Sehr schön geschrieben 🙂

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