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Wie werde ich Selbstversorger in kleinen Schritten

Wenn der Holunder plötzlich fremd riecht und die Eiche anders aussieht

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Freudig renne ich mit offenen Armen auf ihn zu. Ein bekanntes Pflanzengesicht, endlich. Die üppigen Blüten des Hollerbuschs lachen mich vom Wegesrand an und winken mir im Wind zu. Ach! Heimattrunken senke ich meine Nase in seinen cremefarbenen Sonnenstaub. Soll sein lieblicher Geruch mich mitnehmen in das Bekannte und Wohlvertraute, mich forttragen. Aber nein. Erschrocken wende ich mich ab. Hallo? Alter Freund, bist Du es wirklich? Du riechst so herb und fremd. Da kann man nichts machen. Wenn der Holunder plötzlich anders duftet, ist man auf der anderen Seite des Ozeans. Es wird Zeit, die kalifornische Pflanzenwelt kennen zu lernen.

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Der kalifornische Schwarze Holunder (ich lerne engl.: Black Elderberry, lat.: Sambucus canadensis) sieht aus wie der deutsche Holler (lat. Sambucus nigra) und wird auch ähnlich verwendet. Warum sie unterschiedlich riechen kann an den verschiedenen Bestandteilen des Bodens liegen, auf dem sie wachsen, oder an ihrer Art. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen, lasse die Blüten hängen und mache vorerst keinen Sirup daraus, wie letztes Jahr noch in Bayern.

Ich weiß nicht, ob die Indianer früher die Blüten verwendet haben. Sie haben den Holunder jedenfalls als Medizin genutzt: Die Rinde erzeugt nach oben abgeschält Erbrechen, nach unten abgeschält wirkt sie abführend. Sicher konnten die Indianer auch unterscheiden, welches der freundliche Holler ist – der mit den scharzen Beeren – und welcher giftig ist – der mit den roten Beeren (lat. Sambucus racemosa, siehe Foto). Der Rote ist in meiner Gegend weitaus häufiger, so dass ich recht gehemmt bin und mir für kommendes Jahr merken muss, wo ich schwarze Beeren gesehen habe. Blüten und Rinde sind für mich nicht zu unterscheiden.

Ein weiterer Pflanzenfreund hat mich aus der Fassung gebracht: Der Beifuß (lat. Artemisia vulgaris). Ihn gibt es in Kalifornien als Artemisia californica (ich lerne engl.: California Mugwort, Wormwood). Sein Erscheinungsbild erinnert an den deutschen Beifuss und doch sieht er anders aus.

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Der Duft ist feiner und spezieller als der des deutschen Beifuss. Schon die Indianer haben ihn als Medizin und Räucherwerk verwendet. Als ich in Michael Moores Buch „Medicinal Plants of the Mountain West“ nachlese, entdecke ich, dass es gleich mehrere Arten Beifuss in den USA gibt (siehe Foto). Eine davon habe ich in der Natur bereits entdeckt, den Sagebrush, auch Wüstenbeifuss (lat. Artemisia tridentata) genannt.

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An der Rosskastanie wäre ich fast vorbei gelaufen, ohne sie zu bemerken, so wenig hat sie auf den ersten Blick mit der deutschen Kastanie gemein.

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Was mich am allermeisten an der mir neuen Pflanzenwelt verwirrt ist die Eiche. War sie doch ein so einzigartiger Baum und an den Blättern so einfach zu erkennen. „Eiche“ heißt ins Englische übersetzt „Oak“. Was mir als erstes unter diesem Begriff über den Weg läuft, erzeugt bei mir gar kein Eiche-Hallo-Gefühl. Die Blätter sind rundlich und hart.Die Eicheln sind länglich und laufen spitz zu. Aha, denke ich, als ich in dem Naturführer „The Nature of California“ nachlese (siehe Foto): Es gibt die gerade beschriebene Live Oak, außerdem die Scrub Oak, die Black Oak und die White Oak.

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Die Deutsche Eiche (lat. Quercus robur), lerne ich, ist eine sogenannte Stieleiche und hat ausufernde kalifornische Verwandschaft. Sie ist gar nicht so urdeutsch, wie ich gedacht habe. Auch die Indianer haben Eicheln mit Steinen zu Mehl zerrieben. Der Stieleiche am ähnlichsten ist vielleicht die White Oak (lat. Quercus lobata). Die entdecke ich im Garten, vollgehängt mit Gallen der Gallwespe.

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Um die Verwirrung komplett zu machen, gibt es noch eine Eiche, die keine Eiche ist. Das ist der Behaarte Gift-Sumach (lat. Rhus toxicodendron diversilobum) oder auch Poison-Oak genannt. Er wächst fast überall an der Westküste, mal als Busch, mal als Kletterliane, mal als Bodendecker. Die Blätter enthalten giftige Öle, die Blasen auf der Haut und Juckreiz verursachen. Man kann es kaum glauben, wenn man die harmlos scheinenden Blätter betrachtet und ist versucht, hinein zu langen. Aber lassen wir das lieber.

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Müde vom Wandern durch die neue Umgebung und vom vielen Nachschlagen der Pflanzennamen, lege ich mich unter den Baum, den ich gerade frisch kennengelernt habe, die Live Oak in unserem Garten. Meinen neuen besten Freund, der mir hilft, die deutsche Übersetzung für englische Pflanzennamen zu finden – über den Umweg der lateinischen Bezeichnung -, lasse ich gerne auf dem Schreibtisch liegen. Das Internet weiß nicht alles. Bis zum nächsten Mal, „Zander Handwörterbuch der Pflanzennamen“, du unentbehrlicher Schlaumeier.

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4 Kommentare zu “Wenn der Holunder plötzlich fremd riecht und die Eiche anders aussieht

  1. Spannend, deine Erkundungen der Pflanzen in Amiland! Hätte nicht gedacht, dass „bekannte“ Arten drüben so anders sein können! Bin gespannt, was du aus den / deinen Pflanzen alles machst… 😉

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  2. Liebe Kirsten, Du schreibst so anschaulich und unterhaltsam, auch die Bilder sind toll – ich lese Deinen Blog sehr gern! Erstaunlich – so wird einem bewusst wie „verwurzelt“ wir in unserer Pflanzenwelt doch sind, auch wenns nicht so offensichtlich ist. Wenn Du mal bei ner Pflanze nicht weiter weisst, frag doch unseren Meister Storl – er kennt sich ja mit EU und US Pflanzen bestens aus ;-).Diese Woche werd ich ihn und viele andere treffen am Heilkräuterkongress in Klagenfurt *freu* 🙂
    einen lieben Gruss und gute Bekanntschaft mit den „fremden“ Einheimischen
    Susanne

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    • Liebe Susanne, wie schön, danke für Dein Kompliment! Ja, Wolf-Dieter Storl würde ich öfter gerne mal fragen. Er ist auch in den USA dieses Jahr, aber leider zu weit weg. Viel Spaß in Klagenfurt und blühende Grüße!

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