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Wie werde ich Selbstversorger in kleinen Schritten

Kleine Pilzkundenpolitik garniert mit heimischem Reishi

7 Kommentare

Was, wenn Pilze die Welt retten könnten? Das behauptet zumindest der amerikanische Pilzkundler Paul Stamets. Pilze haben einiges drauf in punkto Umweltschutz, könnten womöglich die Energiekrise lösen, sowie gegen biologische Kampfstoffe schützen. Außerdem schmecken Pilze gut. Sie sind für den Selbstversorger leicht zu sammeln oder anzubauen – und sie sind heilsam. Manche Pilze kann man zum Feuer machen verwenden, andere für die Herstellung von Papier und Hüten, wieder andere zum Färben von Kleidung oder zum Brauen von Bier. Für uns wird es Zeit, die Berührungsangst mit den manchmal giftigen Waldwesen zu überwinden und in die Welt der Waldapotheke für Mensch und Planet einzutauchen. Wer sind die eigentlich, die Pilze?

Pilze sind keine Pflanzen, sondern bilden neben den Tieren und Pflanzen ein eigenes Lebensreich. Wie Tiere atmen sie Sauerstoff ein und Kohlendioxid aus und verdauen ihre Nahrung mit Enzymen. Pilze waren vor 1.3 Milliarden Jahren die ersten Lebewesen auf der Erde und wuchsen einmal fast baumhoch.

Ein Pilz ist mehr als sein sichtbarer Fruchtkörper, den wir Menschen sehen und sammeln. Unter der Erde wächst ein Pilzgeflecht, das Myzel, das sich mit den Wurzeln verschiedener Baumarten in Symbiose verbinden kann. Das Myzel versorgt den Baum mit Wasser und Nährstoffen, während der Baum Zucker an den Pilz zurück gibt. Es entsteht ein Kommunikationsnetz, das Bäume auch miteinander verbindet, sie Informationen, Abwehrstoffe und Nährstoffe austauschen lässt. Wenn ein Baum hungert, bemerken das die Nachbarn und sie schicken Care-Pakete per Pilz-Post, wie Dr. Suzanna Simard von der University of British Columbia herausfand. Paul Stamets geht sogar einen Schritt weiter: Die Idee des Internets konnte nur deswegen in einem menschlichen Gehirn entstehen, da es in der Natur bereits ein erfolgserprobtes Modell dafür gab, das Myzel-Netzwerk (s. Linkvideo Min. 4:30).

Was Pilze laut Paul Stamets sonst noch für die (Umwelt-) Politik tun können:

  • Das Myzel der Pilze verhindert Erosion
  • Myzel kann Erdöl aufnehmen und so Umweltverschmutzungen beheben (getestet mit Austernpilzen)
  • Der ehemals auch in Europa heimische Lärchenschwamm (engl. Agarikon, lat. Fomitopsis officinalis – wächst heute in den US-Staaten Oregon und Washington) wirkt gegen biologische Kampfstoffe wie Pocken- und Grippeviren
  • Myzel kann Pestizide ersetzen (getestet an Ameisen und Termiten)
  • Myzel kann Cellulose zu Ethanol umwandeln und so einen Brennstoff zur Energiegewinnung liefern

Wir sind fasziniert von dieser pilzigen Untergrundwelt und wollen mehr über den Pilzteil wissen, mit dem wir im Selbstversorger-Anfänger-Alltag etwas anfangen können: Der Fruchtkörper. Er entsteht nur dann, wenn sich zwei Mycelien der gleichen Pilzart unterirdisch treffen und fortpflanzen. Er kommt nicht einfach so aus der Erde, weil es Herbst ist. Hm. Mit diesem Wissen wird jeder Pilz für uns viel kostbarer als zuvor. Wir haben hier schon einmal ausprobiert, wie man Pilze zu Hause anbauen kann.

Jetzt wollen wir lernen, wie man Wildpilze im Wald bestimmt, ohne sich selbst zu vergiften. Dazu müssen wir den Pilz genau anschauen:

  • Oberseite: Wie sieht der Hut aus? – Größe? Form? Farbe? Rand gerollt?
  • Unterseite: Wie werden die Sporen produziert? – Lamellen oder Röhren? Wie ist die Verbindung vom Stamm zu den Lamellen?
  • Stiel: Wie sieht der Stiel aus? – Innen hohl? Stark oder dünn? Klarer Schnitt oder fransig bei Bruch?
  • Standort: Wo wächst der Pilz? – Bei Buchen wachsen andere Pilze als bei Fichten.
  • Hülle: Gibt es einen Ring am Stamm? – Hüllenreste am Hut oder am Boden des Stiels (Volva)?
  • Sporen: Welche Farbe haben sie?

So kann man sich mit Hilfe eines guten Bestimmungsbuchs von Merkmal zu Merkmal hangeln und sich am Ende – fast – sicher sein, welchen Pilz man vor sich hat.

So ganz trauen wir uns die einwandfreie Pilzbestimmung nicht zu und wagen uns vorerst nur mit pilzkundiger Begleitung in den Wald.

Ein Baumpilz der uns dabei besonders fasziniert ist der Flache Lackporling oder Malerpilz (lat. Ganoderma applanatum). Er wächst an Laubhölzern, in Deutschland vorwiegend an der Rotbuche. Die Unterseite des unscheinbaren Pilz ist weich und kann mit dem Fingernagel bemalt werden. Er ist die heimische Konkurrenz zum asiatischen Reishi (dt. Glänzender Lackporling, lat. Ganoderma lucidum, chin. Ling Zhi). In der Japanischen Tradition gilt Reishi als „Pilz der Unsterblichkeit“. In der Traditionellen Chinesischen Medizin spricht man Reishi zahllose medizinische Eigenschaften zu, von der Verbsesserung des Immunsystems über Herzstärkung und Durchblutungsförderung bis hin zur positiven Unterstützung bei Allergie- und Krebstherapie. Der heimische Malerpilz hat womöglich ähnlich erstaunliche Eigenschaften, ist aber kaum wissenschaftlich untersucht und heutzutage vergessen.

Essen kann man dieses harte Stück von Pilz nicht. Wir könnten ihn aber zersägen, in der Kaffeemühle zermahlen und eine Tinktur ansetzen. Manche seiner Inhaltsstoffe sind wasserlöslich (Polysaccharide), die anderen lösen sich besser in Alkohl (Enzyme). Aus einem Teil des zermahlenen Pilz könnten wir einen Sud abkochen, einen anderen Teil könnten wir in Alkohl ziehen lassen, dann würden wir beides zusammen schütten und tropfenweise einnehmen. Das wäre doch was! Ein Pilz der Unsterblichkeit, der vor der Haustüre wächst – und der uns später trotz Altersbuckel und Selbstversorger-Arthritis noch genügend Energie zum Umgraben und Einmachen schenkt! Hm. Vielleicht üben wir noch ein wenig mit der Pilzbestimmung und sichern uns ein Gegenmittel für schwere Pilzvergiftungen, das die Leber regeneriert und schützt: Die Samen der Mariendistel.

P.S. Mit Dank an Autumn Summers, Karen Aguiar und Terry Jensen, die uns die ersten Pilzschritte ermöglicht haben.

7 Kommentare zu “Kleine Pilzkundenpolitik garniert mit heimischem Reishi

  1. Hach, dieser Baumpilz ist doch der Zunderpilz?! Zumindest habenwir ihn bei einem Steinzeitgeburtstag… getrocknet und geraspelt zum Feuermachen verwendet!!! Er brennt nicht, sondern glimmt – unaufhörlich!
    Ansonsten: spannend, was du da alles über Pilze geschrieben hast! Mein Mann beäugt ja meine hauseigenen Kulturen (Milchkefir, Wasserkefir – ob Letzterer ein Pilz ist, weiß ich gar nicht) eher misstrauisch, obwohl ich nicht nicht daran gestorben bin… 😉

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    • Toll, dass das Feuermachen tatsächlich klappt mit dem Zunderschwamm! Der Baumpilz im Artikel oben ist nicht der Zunderschwamm – der hat eine dickere Wölbung oben und ist nicht so flach. Wo habt ihr den gefunden? Ich hatte das Gefühl, der ist gar nicht mehr so leicht zu finden in Deutschen Wäldern, leider. Liebe Grüße!

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  2. In den Auwäldern bei uns lässt man ja den Wald weitestgehend in Ruhe, heißt, auch die Bauruinen bleiben stehen. Da sieht man „alle Nas‘ lang“ Zunderpilze… 🍄

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  3. Hallo Kirsten – meiner Tochter hat der Reishi gut geholfen gg. Heuschnupfen – der wirkt wie ein Antihistamin – den habe ich nicht selber „geerntet“ ich kenn mich da zu wenig aus, aber in Kapselform von http://lebenatur.com/ – die haben auch andere interessante Pilz-Produkte wie Hericium, Coriolus, Cordyceps und Rhodiola. Letzteres hat mir toll gegen meine winterlichen Stimmungstiefs geholfen, bin seit Jahren wieder mal sehr gut drauf :-)!

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  4. Pingback: Kräuterwanderung in Berkeley oder wie die Natur zur Uni wird | traum selbstversorger

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