traum selbstversorger

Wie werde ich Selbstversorger in kleinen Schritten

Von Traum und Realität der Selbstversorgung

13 Kommentare

Mein persönliches Märchenbild von der Selbstversorgung sieht so aus, wie ich mir meine Urgroßmutter auf ihrem Bauernhof vorstelle: Mit sonnengegerbtem Gesicht und einer um die Hüfte geschlungenen Gartenschürze steht sie in ihrem Garten. Die Brunnenkresse windet sich um den Holzzaun, eine Königskerze wächst neben dem Türchen, der Duft von Rosen und Lavendel liegt in der Luft, die Bienen summen um das Büschelschön, rotbackige Äpfel und gelbe Quitten hängen an den knorrigen Bäumen. Ich sehe ihr zufriedenes Lächeln, das sie dem Sonnenuntergang schickt und höre, wie sie Ziegen und Hühner in den Stall ruft.

Ihre weißen, langen Haare sind unter einem bunten Tuch zusammengebunden. Ihr kleiner Buckel verschwindet, wenn sie sich streckt, um die Kräuter zu prüfen, die am Scheunenbalken zum Trocknen hängen. Sie schaut zum Himmel, atmet tief ein und weiß, wie das Wetter morgen werden wird. Vielleicht wird sie morgen Seife kochen, Kräutermedizin ansetzen oder Brot backen, weil es regnet. Vielleicht wird sie Honig machen oder Rüben ernten, weil die Sonne scheint.

Das Knattern des alten Traktors kündigt ihr an, dass ihr Mann nach Hause kommt. Dann streift sie ihre Holzpantoffeln vor der Tür ab und geht in ihr Häuschen, um die Erde von den Händen zu waschen und Feuer zu machen.

Sie hält die Hand ihres Mannes, wenn sie müde einschläft, nachdem sie mit ihm die Pläne für den nächsten Tag besprochen hat. Wenn sie die Augen schließt, hat sie keine Angst, denn sie hat Wurzeln an ihren Füßen und trägt eine Blume im Herzen.

Ich denke an diese Urgroßmutter meiner Fantasie, wenn bei uns im Garten so einiges schief läuft: Die Tomaten platzen oder werden braun, der Mais hat Raupenbefall oder produziert statt einem ganzen Kolben nur ein einziges Korn, die Läuse kommen, die Vögel müssen mit Gittern abgewehrt werden, der Boden hat keine oder zu viele Nährstoffe, und so weiter.

Wir trauern und machen nach einer Frustpause trotzdem weiter, weil wir nicht anders können. Der Garten ist ein Teil dessen, wer wir sind und wie wir leben wollen.

Die Gnade einer Bauernweisheit, die von Generation zu Generation weiter gegeben wurde, hat uns nicht ereilt. Die Gunst eines ländlichen Familienbesitzes hat uns nicht getroffen. Wir müssen bei Null anfangen.

Außerdem leben wir in einer Zeit, die Fragen aufwirft, welche meine Urgroßmutter gar nicht für möglich gehalten hätte. Microplastik in der Hautcreme? In Plastik eingeschweißtes Biogemüse? Genmanipulierte Gemüsesorten? Giftstoffe in der Luft? Überdüngtes Grundwasser? Massentierhaltung inklusive Produktion von Antibiotikaresistenz? Baumplantagen statt Wälder? Wie bitte?

Wenn man mit all diesem Schlamassel nichts zu tun haben möchte und die Uhr im persönlichen Leben hundert Jahre zurückdrehen will, was dann? Es funktioniert nicht zu 100 % – aus drei so einfachen wie komplizierten Gründen:

Wir sind verwöhnt.

Wir wollen fließendes Wasser, Wärme auf Knopfdruck und Internet. Wir merken, wie arbeitsintensiv es sein kann, eine vergessene Gemüsesorte mit verzweigten Wurzeln zu putzen.

Wir haben keine Ahnung.

Wir lernen, wie viele Bienenleben in einem Teelöffel Honig stecken. Wir fangen zu schätzen an, wieviel Wasser, Sonne und Arbeit in einer Hand voll Mehl verdichtet sind. Wir haben im Alter von beinahe vierzig Jahren zum ersten Mal gesehen, wie der Rosenkohl wächst, den wir schon seid Kindertagen essen.

Wir sind nicht frei.

Andere „sorgen“ für uns: Konzerne, die Dinge produzieren und allzeit liefern. Andere „nutzen“ uns: Firmen, die Geld für Leistung und Lebenszeit geben. Dummerweise verschmutzen diese Anderen bisweilen die Umwelt oder stehen für ein fragwürdiges Wirtschaftssystem. Leider brauchen wir sie zum „Überleben“, solange wir Schokolade essen, Schuhe an den Füßen tragen und einen Akkubohrer nutzen.

Unser Gemütszustand ähnelt manchmal einem vernachlässigten Garten im Frühjahr: Vor lauter Unkraut sieht man die Gemüsebeete nicht mehr. Es gibt soviel zu tun, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll. Grauwassersystem? Solarzellen? Kompostklo? Hygienebinden selbst nähen?

Der Traum vom Selbstversorger-Sein ist nicht nur eine romantische Sehnsucht nach Unabhängigkeit, Naturverbundenheit und Freiheit. Es gibt harte, körperliche Arbeit zu erledigen. Es geht um ein wirklich anderes Leben, nicht um das bekannte Leben in neuer Kulisse.

Das bedeutet auch, bestimmte Eigenschaften, die man sich im städtischen Karriererummel antrainiert hat, sind nutzlos. Die Erde hat ihre eigene Weisheit, die sie offenen Herzen liebevoll aber unerbittlich vermittelt:

  • Es ist schön, wie engagiert Du bist, Gärtnerin. Nur, warum machst Du Dir Stress und näherst Dich dem Garten-Burn-Out? Schau, wie das erste, zarte Blättchen langsam aus mir wächst, wie es wieder vergeht und nächstes Jahr noch stärker hervorbricht.

    Hab Geduld.

  • Es ist schön, wie viele Pläne Du hast, Selbstversorger-Anfängerin. Nur, warum willst Du alles richtig machen und mich, die Erde, retten? Schau, wie auf dem Schutthaufen Neues wächst. Ich heile mich selbst.

    Hab mich lieb und preise mich.

  • Es ist schön, wie viel Du wissen willst, Kräuterkind. Nur, warum kaufst Du so viele Bücher und besuchst so viele Kurse? Schau mich an. Verbringe Zeit mit mir.

    Hab Vertrauen.

Plötzlich sehen wir zwischen all dem Unkraut den Kopf eines Blumenkohls. Die Rüben haben sich von unserem Frust und der Vernachlässigung nicht beirren lassen und zeigen ihre volle Pracht.

Wenn man all diese Schönheit sieht und gar nicht anders kann, als zu lächeln, was dann? Dann ist man zu 1% oder 30% oder 80% Selbstversorger – aus drei so einfachen wie komplizierten Gründen:

Wir erleben Freude

Die Schmetterlinge und Bienen besuchen uns. Der eigene Brokkoli schmeckt wunderbar. Wir bauen Dinge mit unseren Händen. Manchmal überwältigt uns die Schönheit des Lebens. Und ab und zu brauchen wir immer weniger.

Wir entwickeln uns

Es gibt so viel Neues zu entdecken im Innen und Außen, dass unser Gehirn und unser Herz nicht einrosten. Hoffentlich.

Wir fühlen uns frei

Es gibt Tage, an denen die Luft besonders klar ist, das selbstgemachte Sauerkraut unverschämt gut schmeckt und uns niemand vorschreibt, was zu tun ist. Wir haben selbst in der Hand, wie wir leben und welche Entscheidungen wir treffen.

In unserem Zwiespalt zwischen Traum und Realität der Selbstversorgung stehen wir mit einem Bein in der Gesellschaft und mit dem anderen (vermeintlich) außerhalb. Vielleicht ist genau das der Zustand, in dem sich immer mehr Menschen wiederfinden, die sich eine bessere Welt wünschen und ihre Vision davon umzusetzen versuchen. Darauf kommt es an.

Möge der große Geist von Mutter Erde das Herz jedes Menschen berühren.

 

Fotos, die nicht von uns sind:

„Old Country Lady with vegetables“ von Ludmila Yilmaz;

„Farmhouse“ von Bildagentur Zoonar GmbH

13 Kommentare zu “Von Traum und Realität der Selbstversorgung

  1. wow, wuuunderschön geschrieben, ganz besonders der letzte Satz hat mein Herz berührt.
    Ich wünsche euch weiterhin viele traumhafte Erlebnisse beim Gärtnern.
    Herzliche Grüsse
    Esti

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Von Traum und Realität der Selbstversorgung | Ernährungssouveränität jetzt!

  3. Ich kann nur sagen: Du hast sooooo recht! Danke für den tollen Post!

    Gefällt 1 Person

  4. Wunderschöner Text – die Weisheit von Mutter Erde: hab Geduld, hab mich lieb und preise mich, hab Vertrauen – berühren mich sehr!
    Zum preisen ein schöner Liedertext von Linard Bardill, einem Schweizer „Liederer“ aus dem Stück „Die Rose von Jericho“:

    MUTTER ERDE

    Mutter Erde Mutter Erde
    hör einen dunklen Klang
    Mutter Erde Mutter Erde
    klingt so dein Weltgesang
    Mutter Erde Mutter Erde
    Ein Vogel singt im Ried
    Mutter Erde Mutter Erde
    ich glaub er singt dein Lied
    Mutter Erde Mutter Erde
    Es rauscht im Blätterdach
    es pfeifft der Brausesausewind
    es singt im Haag ein Morgenkind
    es gurgelt fein der Mühlenbach
    Mutter Erde Mutter Erde
    dein Lied klingt tausendfach

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  5. Schön geschrieben und am Besten gefällt mir das Bild von den beiden eng verschlungenen Karotten. Wie viele Gedanken darin mitschwingen.

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  6. Pingback: Selbst Käse machen für Schnuppernasen | traum selbstversorger

  7. Hey Kirsten ich hab diese Vorstellung der Urgrossmutter auch und eigentlich Lebe ich mittlerweile nach bald 40 Jahren fast so und irgendwie sprichst Du mir aus dem Herzen. Grüsse von mir

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  8. Liebe Kirsten,
    ein wunderbarer Text. Seit nun mehr als 15 Jahren betreibe ich einen Biogarten (ca. 1500 m2). Mein Traum. Auch ich bin ohne Ahnung von Biogarten in dieses Projekt gesprungen. Freude, Erfolg, Pleiten, Missernten, Ernten die den Keller für Jahre füllen, Rückenschmerzen, Freude, noch mehr Freude, Verbundenheit mit Mutter Erde, den Schnecken, den Vögeln … Mittlerweile nehme ich vieles gelassener und akzeptiere was geht und was nicht. Aber vor allem fühle ich große Dankbarkeit, dass ich mich in diesem Garten plage und freuen darf.
    Alles Liebe
    Annette

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  9. Hat dies auf Olet lucernam! rebloggt und kommentierte:
    Zur Zeit sondieren ich die Möglichkeiten, den Garten und Balkon möglichst effizient zur Selbstversorgung zu nutzen. Das größte Problem: wenig Fläche. Dazu wenig Zeit und auch nicht so wirklich der Durchblick!

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  10. Hallo, bin gerade in deinen Blog versunken und finde ihn wunderbar. Habe wie du auch einen Garten und möchte uns auch selbstversorgen. Aber ich hab den Dreh noch nicht so raus, ein Jahr habe ich viele Tomaten und nächstes keine Kohlrabi, weil die liebe Natur (Tierchen) schneller ist wie ich. Also teile ich mit der Natur und bin mit dem Rest zufrieden. An Tieren haben wir 8 Hühner und ich möchte die nicht missen. Ich möchte soviel Selbermachen und altes ausprobieren, der Tag könnte 48 Stunden haben. ich wünsche Euch ein frohes neues Jahr 2017. Liebe Grüße.Siggi

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