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Wie werde ich Selbstversorger in kleinen Schritten

Selbstversorgung mit Algen?

Ein Kommentar

Sushi ist nicht gerade das Selbstversorger-Gericht Nummer eins. Trotzdem haben es uns die Algen angetan. Warum nicht das eigene Spirulina in Glasröhren im Gewächshaus anbauen oder lecker Wakame in einem Tank selbst heranziehen, wie es Pioniere bereits vormachen? Nun ja, das ist uns vorerst zu kompliziert. Wir gehen lieber an die Pazifikküste, um wilde Algen im Ozean selbst zu ernten.

Im kalifornischem Mendocino zieht sich der Ozean heute kurz nach Sonnenaufgang zurück und die Ebbe gibt den Blick auf sonst verborgene Schätze frei: Rote Seegurken, violette Seeigel, orangene Seesterne, Seeanemonen und ein Feld aus blauen Muscheln. Ihre Schönheit bezaubert uns. Stundenlang könnten wir über Felsen krabbeln, staunen und entdecken.

Julie erinnert uns, warum wir hier sind. Richtig, die Algen. Julie ist selbständige Algenfischerin, hat eine Lizenz für die Algenernte und ihren eigenen Algenvertrieb. Sie besingt den Ozean mit einem afrikanischen Dankeslied, bevor sie ihr gekrümmtes Sichelmesser zur Algenernte zückt.

Um ein gutes Nachwachsen der Algen zu garantieren, darf man sie weder an ihren Wurzeln aus dem Stein reißen noch die Knospen erwischen, an denen sie nachwachsen. Am Besten erntet man nur den oberen Teil des blätterartigen Algengewebes. Dann vermehren sich die Algen sogar besser als ohne Menschen, der noch dazu unfreiwillig ihre Sporen verteilt.

Kleine Algenauswahl

Julie zeigt uns die verschiedenen Großalgenarten (Makroalgen), die es hier in Mendocino gibt. Meist sind es Braunalgen, die als kulinarisches Meeresgemüse oder zur Verwendung in der Kräuterkunde geerntet werden.

  • Blasentang (engl. Bladderwrack, lat. Fucus vesiculosus): Die auch Meereiche genannte Braunalge hat Gasblasen in ihrem Gewebe, die ihr im Wasser Auftrieb verleihen. Sie wird in der medizinischen Kräuterkunde bei Schilddrüsenproblemen eingesetzt und hilft als Badezusatz bei Muskelkater. Geeignet für Suppen, Tees, Pfannengerichte und als Salat. Kommt auch in der Nord- und Ostsee vor – allerdings seid einigen Jahren nur noch so selten, dass man die Alge besser in Ruhe lässt.
  • Kombu (engl. Kombu, lat. Laminaria dentigera): Der auch Seekohl oder Kelp genannte Seetang ist eine der jodhaltigsten Algen, ist reich an Eisen und Kalzium. In der medizinischen Kräuterkunde gilt Kombu als Entgiftungshilfe bei Belastung durch Schwermetalle oder andere Gifte. Selbst vor Radioaktivität soll er schützen. Gedämpft geeignet als Gemüse und weit verbreitet in der Nordostasiatischen Küche.

Algen könnten das Nahrungsmittel der Zukunft sein. Sie sind nährstoffreich, fettfrei und enthalten viele Mineralien und Spurenelemente.

  • See-Palme (engl. Sea Palm, lat. Postelsia palmaeformis): Diese Braunalge kommt am Nordostpazifik vor und gedeiht ausschließlich in brandungsreichen Gegenden. Ihre Palmwedel sind als Meeresgemüse beliebt, beispielsweise gebacken mit Olivenöl, Sesamöl, Tamari-Sauce, Chillies und Knoblauch.
  • Wakame (engl. Wakame, lat. Alaria marginata): Diese Algenart ist in Miso-Suppe beliebt und sogar für Lasagne geeignet. Ursprünglich war sie an den Küsten Ostasiens heimisch, kommt heute aber invasiv im Atlantik und dem Mittelmeer vor. Sie ist aus der Japanischen, Koreanischen und Chinesischen Küche nicht wegzudenken. Sie ist reich an Omega-3-Fettsäuren und Vitamin C.
  • Nori (engl. Nori, lat. Porphyra perforata): Die auch Purpurtang genannte Rotalge ist als Sushi-Rolle in Europa bekannt geworden. Sie hat einen hohen Vitamin C, B12, Eisen und Proteingehalt.

Der Ozean hat wie ein Gemüsegarten verschiedene Erntezeiten für Algen. Der Stamm der Pomo in Nordkalifornien erntete Nori-Algen in April und Mai, bevor die Schnecken es anknabbern. Die See-Palme holten sie im Juli und August.

Während wir durch die Algenfelder wandern zupfen wir hier und da ein glitschiges Algenblatt ab und versuchen das Meeresgemüse ganz frisch: Immer etwas salzig, mal ein wenig fischig, dann wieder pfeffrig – jede Alge schmeckt irgendwie gleich und doch einen Hauch anders. Hier in Mendocino gibt es keine giftigen Algen, höchstens welche mit dem Geschmack von staubigem Karton.

Algen kann man in kleinen Mengen roh essen, zu viel davon ist allerdings schwer verdaulich. Nach dem Trocknen sind sie gut verträglich. Doch Obacht mit dem hohen Jodgehalt.

Warum interessieren uns Algen?

Mitten in der grün-braunen Ozean-Weide Kaliforniens stehend können wir nicht anders, als uns ein Algenparadies auch nach Deutschland zu wünschen. Immerhin steht die erste Süßwasser-Mikroalgen-Anlage Europas in Klötze, Sachsen-Anhalt. Die Gesundheitsprodukte Chlorella und Spirulina werden dort in einem Glasröhrensystem in Gewächshäusern angebaut. Die Algenfarm auf Sylt baut Makroalgen in Tankkultur mit künstlichem Meerwasser an Land an.

Mehr Tradition hat die Algenernte in der französischen Bretagne und dem britischen Wales, in Irland und Norwegen. Auf der dänischen Insel Læsø bestand früher sogar die Dacheindeckung der Häuser aus Seetang. Und wir mit unserem Sushi-Tunnelblick dachten, Algenangelegenheiten sind eine rein asiatische Spezialität.

Algen können einiges zu unseren Selbstversorger-Träumen beisteuern. Vielleicht nicht als tägliche Nahrung, aber jenseits unseres Gartentors im größeren Kontext eines guten Miteinanders von Mensch und Natur:

  • als biologischer Pflanzendünger
  • als Hilfe für die Atmosphäre: Meeresalgen und Phytoplankton binden Kohlendioxid aus der Atmosphäre und halten es in ihrer Biomasse, die beim Absterben auf den Meeresboden sinkt. Algen produzieren weltweit mehr Sauerstoff als der Regenwald.
  • möglicherweise als mineralölfreier und biologisch abbaubarer Plastik-Ersatz sowie Bio-Kraftstoff für Autos und Flugzeuge.
  • möglicherweise auch als Trinkwasser-Desinfektion: Krankheitserreger sterben im Milieu der heranwachsenden Algen ab und die Algen binden im Wasser enthaltene Düngemittel aus der Landwirtschaft.

Bepackt mit einem Eimer, in dem unsere vor lauter Staunen vernachlässigte Algenernte liegt, laufen wir von der Küste zum Campingplatz zurück. Julie zeigt uns, worauf wir jetzt achten müssen.

Die Algen sollten gleich nach der Ernte in der direkten Sonne trocknen, um ihre Qualität zu behalten. Die Sonne muss stark genug sein und das saftige Meeresgemüse noch am gleichen Tag in einen harten Kräcker verwandeln.

Während wir den Algen beim Schrumpeln zusehen, denken wir gar nicht an Rezepte. Wir sind noch immer berauscht von der Schönheit des Ozeans und lauschen Julies Geschichten über ihren kräftezehrenden Traumjob. Man kann dabei die Brandung in ihrem Gesicht sehen und die ozeanische Ruhe spüren, die das große Wasser ihr geschenkt hat.

Ein Kommentar zu “Selbstversorgung mit Algen?

  1. Spannend! – vielen Dank für den schönen Beitrag!

    Gefällt 1 Person

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