traum selbstversorger

Wie werde ich Selbstversorger in kleinen Schritten

Selbstversorgung für wilde Herzen

Ein Kommentar

Es gibt sie noch, die versteckten und fast vergessenen Orte in der westlichen Welt, wo Selbstversorgung keine Macke oder Lebensstil ist, sondern einfach selbstverständlich. Hyampom ist solch eine Rarität und zugleich Sehnsuchtsort für diejenigen, die sich als Nachbarn Bären, Berge und reißende Flüsse wünschen. Wir haben Hyampom und seine Menschen besucht und unsere Selbstversorger-Träume mit einer Brise Wilder Westen angereichert.

Die Geschichten, die sich um Hyampom ranken, sind so außergewöhnlich wie die Weite, in die dieses Fleckchen Erde eingebettet ist. Wir hören von Bären auf Apfelbäumen. Wir lauschen der Erzählung über den Sheriff, der selbst bei einem bewaffneten Nachbarsstreit meint, man solle ihn morgen nochmal anrufen. Wir entdecken den Selbstbedienungsladen für Werkzeuge. Die Menschen hier müssen schauen, wie sie klarkommen, wenn die nächste Stadt zwei Stunden Autofahrt entfernt ist und es keinen Handyempfang gibt.

Hyampom liegt in den nordkalifornischen Trinity Mountains. Im Tal fließen der South Fork Trinity River und der Hayfork Creek zusammen. Einzelne Holzhäuschen liegen das Tal entlang. Es gibt eine Post, eine Bar, ein Gemeinschaftszentrum, eine geschlossene Schule, einen Tierarzt, ein Weingut. Manchmal findet ein Dorfmarkt statt, auf dem die Bewohner selbst angebaute und selbst gemachte Sachen verkaufen.

Es ist offensichtlich, warum es Menschen nach Hyampom zieht. Sie wollen mit der „normalen“ Gesellschaft möglichst wenig zu tun haben – aus ihren ganz persönlichen Gründen.

Darunter sind auch diejenigen, die unter dem Radar des Gesetzes leben wollen oder umstrittene Pflanzen anbauen. Meistens jedoch treffen wir auf Naturliebhaber, leidenschaftliche Gärtner, Künstler, Selbermacher. Und Deutsche.

Drei starke Frauen haben uns besonders beeindruckt und sogar ihr Gartentor für uns geöffnet: Sarah* aus Kalifornien, Ulla* aus dem Schwabenland und Christine aus Bayern.

Sarah die Selbermacherin

Sarah* braucht Stoff zwischen den Fingern. Sie schneidet alte Klamotten in Streifen –  das abgetragene Bürohemd des Sohnes, die ausrangierten Boxershorts ihres Mannes – und wickelt die Streifen als Stoffknäuel auf. Mit einer Häkelnadel zieht sie die Stoffstreifen durch ein rechteckiges Stück Jutesack. Das Webmuster des Jutesacks fixiert die Stoffstreifen automatisch. Fertig ist der Flickenteppich. Warum wegschmeissen, wenn man etwas so Schönes kreieren kann?

Sarah meint, dass alle denken, sie sei verrückt. Für uns ist sie einfach wundervoll. Hunderte Stunden Handarbeit steckt sie in einen ihrer Flickenteppiche.

Sarah und ihr Mann sind als Rentner nach Hyampom gekommen, um endlich einmal ihre Farmerleidenschaft ausleben zu können. Jahrelang haben sie ihr Haus selbst gebaut und währenddessen in der Gartenlaube gelebt. Aus gebrauchten Türen und Fenstern sowie altem Bauholz und allerlei Fantasie ist ein charmantes, zweistöckiges Domizil geworden. Hühnerhaus, Scheune und Erdkeller… alles selbst gebaut, weder windschief noch wackelig. Sarahs Mann ist vom Fach und weiß, was er tut.

Eines Tages kommt vielleicht der nahe gelegene Fluss und reißt alle selbst verwirklichten Träume mit sich. Sarah zwinkert uns zu und sagt: „Dann fangen wir eben von vorne an.“

Ulla die Gärtnerin

Ulla* liebt ihre Tiere. Pferde grasen an der Einfahrt. Die Hühner und Truthähne brüten gerade ihre Küken aus. Die Hunde toben hinter dem Haus. Die Bienen sind bei der Arbeit im riesigen Garten. Ulla baut Gemüse und Obst an und verkauft ihre Gartenschätze inklusive selbst gemachter Marmelade manchmal auf dem Dorfmarkt.

Ulla und ihr Mann sind vor über 15 Jahren nach Hyampom gekommen, weil ihnen das Schwabenland zu eng war. Davon kann jetzt bei ihrem riesigen Stück Land mit Berg- und Flußblick keine Rede mehr sein.

Ein Paradies! Und doch, da gibt es Tücken. Der Waldbrand, der letztes Jahr bis zur Einfahrt reichte. Der Fluß, der die Schotterstraße regelmäßig verschiebt. Ein einziger Nachbar weit und breit und ausgerechnet der meckert ständig. Ulla meint: „Zum Paradies gehört auch die Schlange“.

Christine die Kräuterfrau

Beifuß zum Räuchern, Ringelblume fürs Massageöl und Lavendel als ätherisches Öl, das ist Christines Welt. Sie baut Kräuter biologisch an, verarbeitet sie liebevoll selbst und kreiert natürliche Heilprodukte. Christine öffnet ihren Garten regelmäßig für die Frauen der Gegend, um Gedanken und Geschichten am Lagerfeuer auszutauschen. Sie baut ihr Gemüse selbst an und gibt Workshops zum Kräuteranbau, zur Kräuterdestillation und Kräuterheilkunde.**

Christine ist weit gereist und mit ihrem Mann (der wahres Gourmet-Brot backt) nach Hyampom gekommen, um stressfrei und in Frieden leben zu können. Es tut uns gut, Christines innere Ruhe und ihre Liebe zum Leben in Hyampom zu spüren.

Alle sechs Wochen muss jemand Milchprodukte, Getreide und ähnliches in der Stadt einkaufen gehen. Christine ist froh, wenn das ihr Mann übernimmt. „Ich bin lieber bei den Pflanzen draussen“, meint sie.

Das Land der Hyam

Bevor die Selbstversorger, Selbermacher, Gärtner und Freigeister nach Hyampom kamen, wohnten hier Holzfäller, Trapper und Goldschürfer. 1828 soll der erste europäische „Entdeckungsreisende“ seinen Fuß in dieses Tal gesetzt haben. Davor lebte hier der Stamm der Hyam. Hyampom bedeutet „Land der Hyam“ (wahrscheinlich in der Sprache der Wintu). Wir vermuten, der Stamm der Hyam gehörte zu einem der Stämme der Gegend: Whilkut, Chimariko und Wintu – die heute entweder nicht mehr existieren oder nur sehr wenige Nachfahren haben.

Wer heute nach Hyampom kommt, flieht wahrscheinlich genau vor dem, was die europäischen Vorfahren erstmals in das Land der Hyam brachten: Ignoranz und Intoleranz, Gewalt und Zerstörung, Umweltverschmutzung und Gier.

Wir fragen uns, wie das Land der Hyam wohl ausgesehen hat, bevor der weiße Schrecken kam. Es muss noch schöner gewesen sein. Nicht Zufluchtsort. Heimat.

* Wir haben die Namen auf Wunsch geändert.

** Christine freut sich von Mai bis September über Hilfe im Garten im Austausch gegen Kost und Logis. Sie bietet auch ein Intensivtraining in Kräuteranbau und – Heilkunde gegen Bezahlung an (nach persönlicher Absprache). Sie spricht Deutsch. Ihr findet weitere Infos und Christines Kontaktdaten auf ihrer englischen Website: Arkana Sun Botanica.

Ein Kommentar zu “Selbstversorgung für wilde Herzen

  1. Hast Du gut geschrieben liebe Kirsten1
    Die Staemme von den Whilkut, Chimariko und Wintu sind noch hier im den Bergen, versteckt in der mystischen Welt und Geschichte die man an bestimmten Orten finded, man merkt da hat jemand gelebt, da hat jemand Kreuter kultiviert, Medizin gemacht, da war ein Medizin Wheel…..

    Gefällt 1 Person

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