traum selbstversorger

Wie werde ich Selbstversorger in kleinen Schritten

Den Selbstversorgergarten anlegen

Ein Kommentar

So ein paar Gemüsebeete, die sind doch schnell angelegt, oder? Ja, wenn man mit ein wenig Sommergemüse glücklich ist. Falls man mit der Selbstversorgung liebäugelt, leider nein. Wer hat schon das Stück Land aus dem Lehrbuch, auf dem man alle eigenen Selbstversorger-Vorstellungen und Selbstversorgungs-Praxistipps von den Profis nach Plan umsetzen kann? Das Land selbst hat seine eigene Idee davon, was es werden mag. Und genau das ist das Spannende.

Normalerweise würde zu Beginn eines solchen Artikels wie diesem stehen, dass man mit der Planung anfangen soll. Fragen sollten geklärt werden: Wo liegt der Garten? Wie ist der Boden beschaffen? Wieviel Ertrag will man? Allerdings vergisst man dabei den zukünftigen Selbstversorger-Lebenspartner. Die Erde. Das Land selbst. Den Ort, mit dem man zusammensein und zusammenarbeiten möchte.

Hallo, Du schöner Ort

Wir stürmen auf unser neu erworbenes Gelände, das unser Garten werden soll. Durch unsere Köpfe zucken die Gedanken wie wild. Hier soll das hin, dort drüben jenes, der Baum muss da weg, das Gras muss bekämpft werden, das Gewächshaus braucht ein Fundament. Halt.

Wo stehen wir eigentlich? In einem wilden Garten, den die Natur bereits angelegt hat. Wie würden wir uns fühlen, wenn einfach jemand in unseren Garten laufen würde und alles verändern will? Genau.

Also gehen wir einige Schritte zurück und bleiben stehen. Ah, wie majestätisch die Fichten da stehen und wie lieblich die Erlen ihre Blätter wiegen. Zu unseren Füßen zeigt der Gundermann seine blauen Elfenhüte, der Wiesenknöterich reckt seine rosa Staubwedel an unseren Knien hoch und die Teufelskralle streift mit ihren lila-schwarzen Zackenköpfen durch die aromatische Luft, die uns umgibt. Wir haben verstanden. Es ist bereits schön hier.

Gut, dann nehmen wir all unseren Mut zusammen und sprechen diesen Platz und seine Pflanzenwesen laut an. Wir stellen uns vor. Wir erzählen, wie schön wir es hier finden und bedanken uns dafür. Wir haben das Gefühl, wir bekommen Aufmerksamkeit. Sehr erstaunte Aufmerksamkeit. So als hätte dich jahrhundertelang niemand angesprochen und plötzlich hörst du eine Stimme, die du kaum noch zuordnen kannst. Dieser Moment berührt uns sehr tief.

Wir fragen, ob wir an diesem Ort einen Garten anlegen dürfen. Die Antwort ist keine Stimme, sondern ein inneres Gespür. Ruhe. Zufriedenheit. Willkommen. Esoterik ist das Keine. Wir nennen es Respekt (von uns) und Großzügigkeit (von der Natur).

Die Kopfarbeit

Die große Frage ist, wieviel Land brauchen wir als von Selbstversorgung Träumende eigentlich? Laut John Seymour, dem Pionier des selbständigen Lebens auf dem Land, kann ein Morgen Land (ca. 3000 qm) ausreichen, wenn man noch einiges Zukauft. Bei 15.000 qm sieht es inklusive Tierhaltung schon besser aus. Manch anderer im Internet behauptet, auch 400 qm geben alles her, was man brauchen kann. Klar ist uns jedenfalls, Getreide für das eigene Brot und Rüben als Tierfutter, oder gar Flachs für Kleidung und Pflanzen zum Färben der Kleidung, das alles können wir nicht leisten. Und unser Land auch nicht.

Heilkräuter und Gemüse sind unser Hauptanliegen. Ein Wintervorrat an Kartoffeln und Eingewecktem wäre schön. Dazu stellen wir uns einige Fragen:

Wie geht es der Erde?

  • Wieviel Fläche können wir für unseren Selbstversorgergarten anlegen, ohne der Natur alles weg zu nehmen? Bei uns sind das 200 qm von 10.000 qm. Der Rest bleibt Wald und Wiese.
  • Ist der Boden sandig oder lehmig? Bei uns ist es schwerer Lehm, der das Wasser staut und den Boden übersäuert. Wir planen Gründüngung mit Tiefwurzlern ein, um den Boden langfristig aufzulockern.
  • Welchen ph-Wert hat die Erde? Zu sauer, also müssen wir einiges nachkalken sowie die Bodenlebewesen mit Kompost glücklich machen.

Wie ist die Lage?

  • Möglichst viel Sonne muss her. Der Garten möchte nach Süden schauen. Das Gewächshaus auch.
  • Ist viel landwirtschaftliche Fläche oder ein Golfplatz in der Nähe? Achtung vor Düngung, Pestiziden und ungewollter Windbefruchtung (bspw. Mais). Bei uns kein Thema.
  • Ist das Klima eher rauh oder mild? Vorsicht bei der Pflanzenwahl und womöglich eine Schutzhecke um den Garten anlegen.

Wie ist die Wasserversorgung?

  • Bei Brunnenwasser: Enthält das Wasser Nitrate (Überdüngung in der Landwirtschaft)? Bei uns kein Thema.
  • Bei Hahnenwasser: Welche Stoffe werden von den Behörden lokal beigemischt? Chlor? Müsste man rausfiltern, wenn es ein Thema wäre.
  • Bei Regenwasser: Gibt es genug Sammelstationen, die für eine Bewässerung der Fläche in einem heißen Sommer ausreichen?
  • Bei Gieskannenwasser: Wie wäre es mit einem IBC Container als Wasserspeicher am Garten, um sich die Rennerei mit der Gieskanne zu sparen? Haben wir aufgestellt, inklusive der Pumpe, die mit Teichwasser versorgt wird.

Die Grobarbeit

Beim ersten Spatenstich fürs Gewächshaus kommt uns das Bodenwasser entgegen. Der Bagger rückt an und hebt eine Entwässerungsgrube aus, die wir mit Schotter füllen. Das bedeutet: Schwerstarbeit Steine schippen. Und danach für oben drauf: Sand schippen.

So sehr wir uns freuen, dass die Wiese mit jedem Schritt mit uns redet – sie quietscht und schmatzt – so deutlich wird uns auch, dass wir noch einen Entwässerungsgraben brauchen. Der Bagger rückt wieder an. Wir brauchen mehr Licht und Holz für den Gartenzaun. Einige wenige Fichten müssen wir leider fällen (nachdem wir sie gefragt haben).

Nach all der Vielen Arbeit im Herbst haben wir mit der eigentlichen Gartenfläche noch gar nicht angefangen. Die legen wir jetzt mit unseren Umzugskartons aus, damit wir nicht alles Umgraben müssen und das Gras von alleine abstirbt. Auf die Kartons kommen drei große Fuhren von altem Bio-Pferdemist. Den verteilen wir gleichmäßig und lassen ihn über Winter weiter liegen. Das gibt unsere verbesserte Gartenerde und vergrößert die Humusschicht.

Wenn es nach uns ginge könnte gleich nach dem Herbst der Frühling kommen, so gerne würden wir alles in frischem Grün sehen. Wir müssen Geduld lernen – mit der Erde, die erst reifen muss und mit uns, da unsere Kräfte schwinden.

Unsere Fichten kommen aus dem Nahe gelegenen Sägewerk zurück und wir bauen einen urigen Zaun. Wir spitzen mit der Motorsäge die Pfähle an und hauen sie in die Erde. Wir schrauben schwitzend die langen Holzbretter an. Ächzend ziehen wir dicke Fichtenäste über unser Gelände, um Zaunlatten daraus machen zu können.

Bevor der Winter kommt bauen wir mit Angstschweiß auf der Stirn das Fundament des Gewächshauses, dessen Sockel wir einbetonieren. Grund für den Angstschweiß: Das Gelände ist schief und abfallend, aber das Gewächshaus muss gerade und im Lot sein. Eine Stufe, die vom Gewächshaus in den Garten führt, müssen wir auch noch anlegen.

Die schöne Arbeit

Im folgenden Frühjahr können wir endlich mit den schönen Gartendingen anfangen. Wir staunen, wie gut und schnell der Karton tatsächlich verrottet ist unter dem Mist – ein Permakultur-Trick. Die Gartenfräse hilft uns beim umgraben, damit Mist und Erde sich vermischen und wir dem tiefer gelegenen Lehm so gut wie möglich an den Kragen können.

Wieder sitzt uns der Angstschweiß auf der Stirn, als wir im Gewächshaus die Glasteile einsetzen. Ja, es passt. Tatsächlich ist alles im Lot. Die ersten Samen können in ihrer durchsichtigen Villa ausgesät werden und gedeihen prächtig. Um das Gewächshaus herum bauen wir Beete aus dicken Fichtenlatten. Jedes hat eine andere Größe und muss per Hand zugesägt werden. Im großen Garten vor dem Gewächshaus möchten wir eigentlich das Gleiche machen. Aber, da es viel zu anstrengend ist, begnügen wir uns für dieses Jahr damit, einfach Bretter hinzulegen.

Manchmal schafft man einfach nicht, was man erreichen will. Weil die Kraft nicht ausreicht. Oder, weil die Natur etwas anderes vorhat. Oder, weil es so viel zu tun gibt, dass man eh nie fertig wird. So ist das auf dem Land.

Mittlerweile gibt es so viele Jungpflanzen, dass wir eine ganze Menge an Nachbarn und Bekannte verschenken können. Einige  finden ihre neue Heimat auch außerhalb des Gartens, als Ablenkung für Hasen und Rehe.

Die Eisheiligen sind vorbei, die Kartoffeln sind gesetzt, Kräuter- und Gemüsepflänzchen haben ein neues Zuhause gefunden. Und schon gesellen sich die Erdflöhe dazu und fressen kleine Löcher in die Blätter. Werden uns auch noch die Schnecken überfallen? Die Rehe? Gar Wühlmäuse? Jedenfalls wird es nicht langweilig im Garten. Ständig gibt es etwas zu entdecken, zu tun und zu genießen.

Und für wieviel Selbstversorgung unsere Gartenfläche ausreicht wissen wir hoffentlich bis nächsten Herbst.

Ein Kommentar zu “Den Selbstversorgergarten anlegen

  1. You and Patrick have done amazing work, setting up this garden, congratulations! It usually takes me 7 years to get a god garden going and even then I keep learning, moving and changing things around. Hope you are having a great harvest from your labor of love. Love you, Christine & Jean-Pierre

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